Michel Godard

Soyeusement Live In Noirlac

Die Linernotes zu Soyeusement

Michel Godard ist ein Traumgänger zwischen den Epochen und Kulturen. Er gehörte zum innersten Kern der „Folklore Imaginaire“ um Louis Sclavis und Valentin Clastrier und wirkt seit vielen Jahren in der Band des libanesischen Oudspielers Rabih Abou-Khalil. Er liebt die Adaption von Renaissance- und Barockmelodien und ist gleichzeitig der Tubaspieler erster Wahl in experimentellen Jazzbands. Godards eigene Musik reflektiert alle diese Welten und Zeiten. Improvisierend wandelt er durchs Imaginäre und erwandelt sich Räume, in denen Visionen wahr werden können. Vor Jahren fand er einen solchen Raum im mittelalterlichen Castel del Monte in Apulien, einem rätselhaften Bauwerk voller Vergangenheit und Zukunft. Dort ließ Michel Godard Renaissance und Jazz einander musikalisch begegnen, als sei es das Natürlichste der Welt.

Nun hat Michel Godard einen neuen Raum gefunden, der wie aus der Zeit gefallen scheint: das ehemalige Zisterzienser-Kloser in Noirlac in Zentralfrankreich. Die mittelalterliche Abtei – ihre Geschichte, ihre Architektur, ihr Raumklang, ihre Umgebung – besitzt genau jene bestimmt-unbestimmte Magie, die Godards Musik braucht: Offenheit in alle Richtungen, Verbindungen nach überallhin. Denn Godards Musik will sich nicht festlegen, sie liebt den Schwebezustand – tänzelnd, sanft, improvisiert, gedämpft, dunkel, irgendwo zwischen Mittelalter und Jazz. Schon die Instrumente, die in Noirlac zusammenkamen, symbolisieren dieses Schweben zwischen den Welten. Der E-Bass, die elektrische Bassgitarre, stammt aus der Rock- und Fusion-Musik. das Saxophon ging dagegen aus der großen Erneuerung der Blasinstrumente im 19. Jahrhundert hervor, bevor sie im Jazz ihren Charakter änderten. Der Serpent – der schlangenhaft gewundene Bass-Zink –, die Theorbe – die mehrchörige Bass-Laute – und die Barock-Geige öffnen Klangtore in eine ferne, interkulturelle Vergangenheit. Und nicht zu vergessen: Gavino Murgias schnarrender Kehlgesang – Reflex einer jahrtausendealten Vokaltradition auf Sardinien.

In Godards zeitlosem Raum der Phantasie finden diese Instrumente viele Nischen und Verbindungen. Da duettieren Serpent und E-Bass miteinander, auch E-Bass und Theorbe verschmelzen zu einem transepochalen Instrument, das Sopransaxophon setzt mehrere jazzige Höhepunkte, aber die Theorbe kann ebenfalls swingen, Geige und Serpent finden zusammen, der Kehlgesang liefert Bordun-Begleitungen, man improvisiert kollektiv. Ob im swingenden Walzer oder als Etüde über zusammengesetzte Metren: Lyrische Melodien verzaubern den Moment mit einer hypnotischen Kraft. Es ist ein unangestrengtes Traumwandeln durch Zeiten und Welten. Natürlich spielt dabei Vertrauen eine Rolle: Mit dem Amerikaner Steve Swallow arbeitete Godard schon 1994 bei Abou-Khalil, mit dem Sarden Gavino Murgia spielt er seit langem im Duo. Das sind Brücken, die das Gegensätzlichste verbinden können, Brücken über Stile, Kulturen, Epochen hinweg, unwahrscheinlich, improvisiert, fast körperlos, seidenweich. Es sind die magischen Traumbrücken von Noirlac, dem schwarzen See, wo sich alle Linien kreuzen. Eine Art Jazz, aus Zeit und Raum gefallen.

Hans-Jürgen Schaal
Juni 2012

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Playlist

Michel Godard - Soyeusement Live In Noirlac

Seite A
Les effets de manche (Steve Swallow) 2:28
Pane caiente (Gavino Murgia) 5:58
Gorropu (Gavino Murgia) 5:53
A Trace Of Grace (Michel Godard) 6:40
Seite B
Soyeusement (Michel Godard) 7:30
Arrêt sur image (Michel Godard) 3:08
Villa Erba (Michel Godard) 6:27
Beautiful Love (Victor Young) 4:10
Musiker
Michel Godard (Serpent)
Steve Swallow (akustische Bassgitarre)
Gavino Murgia (Sopransaxophon, Stimme)
Bruno Helstroffer (Theorbo)
Fanny Paccoud (Barock-Violine)
Aufnahme: Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer
Produzenten: Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer
Schnitt der Lackfolie: Willem Makkee
Pressung: Pallas
sommelier du son ist ein Projekt von Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer, bei dem sich alles um gute Musik und ihre adäquate Aufnahme und Wiedergabe dreht.
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