Paul Kuhn Trio

Live At Birdland

Analog ist schön …

Dennoch beneide ich die Kollegen schon ein wenig, die fast ausschließlich auf der digitalen Ebene arbeiten. Das geht schon mit dem Transport des Equipments los. Selbst Zweispur-Bandmaschinen sind leider um einiges schwerer als Mehrspur-Digitalrecorder, um von Aufnahmen auf Festplatten mit Hilfe eines Computers samt Interface erst gar nicht zu reden. Dafür verheißt die analoge Zweispuraufnahme aber auf jeden Fall mehr Adrenalin, und zwar beim ersten Mal schon während des Konzerts: Wenn es hier nicht gelingt, eine stimmige Balance zwischen den Instrumenten und der Stimme herzustellen, kann man das gesamte Projekt vergessen. Eine zweite Chance, alles wieder ins Lot zu bringen, bietet auch ein bestens ausgestattetes Studio nicht. Wirklich bedenklich wird es, wenn dann auch ein klein wenig analoger Starrsinn um sich greift: Ungewohnt pragmatisch hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, für den Hall auf Paul Kuhns Stimme einen Lexicon Digitalhall zu verwenden, wurde aber ausgerechnet von unserem Hifistatement-Digital-Spezialisten von diesem Frevel abgehalten, und zwar nicht zuletzt mit dem Versprechen, beim Verbringen des analogen, etwa 70 Kilogramm schweren EMT Goldfolien-Halls in den nur über eine lange Treppe zu erreichenden Jazzkeller behilflich zu sein.

Wer sich schon so viel Mühe mit der Aufnahme gemacht hat, darf sich natürlich auch bei der Erstellung des Masterbandes nicht von seinem Qualitätsanspruch abbringen lassen. Und dabei kann das Temperament eines Vollblut-Entertainers schon mal zum Problem werden. Bei den bisherigen sommelier du son-Produktionen waren Ausführende und Publikum so diszipliniert – oder sollte man besser sagen: so wenig überschwänglich – wie bei einem klassischen Konzert: Man wartete geduldig, bis der letzte Ton verklungen war, bevor man Beifall spendete. Das gibt dem Tontechniker Gelegenheit, Musik und Applaus mit einem Schnitt sauber voneinander zu trennen. Wie aber soll man das tun, wenn Paul Kuhn voll überschäumender Spielfreude beispielsweise noch in den Schlussakkord hinein das Stück kommentiert, beginnt seine Kollegen vorzustellen, oder die Zuhörer schon während der letzten Töne ihrer Begeisterung lautstark Ausdruck verliehen? Mit einem kühnen Schnitt ist es hier nicht getan. Und das Band ganz klassisch einfach zu überspielen und dann im Applaus sanft auszublenden, kam für uns auch nicht in Frage, da jede analoge Überspielung unweigerlich mit einer Qualitätsminderung einhergeht. Also blieb uns nichts anderes übrig, als zumindest den Schluss eines jedes Songs zusammen mit dem Beifall auf ein frisches Tape zu kopieren und dann an der gewünschten Stelle auszublenden. Dann galt es nur noch, eine geeignete, und das heißt hier, auch beim langsamen Bewegen des Bandes per Hand deutlich identifizierbare Stelle zu finden, an der man einen Schnitt setzen konnte. Das Ganze hat logischerweise gleich zweimal zu passieren: einmal im originalen Sessiontape und zum zweiten Mal bei der gerade erstellten Kopie. Zumindest beim Schnitt in das erste Band herrscht nicht der geringste Mangel an Adrenalin im Blut des Ausführenden. Und dieser Zustand bleibt auch eine ganze Weile erhalten: Schließlich bedeuten elf Songs auch elf Schnitte. Das Sessiontape hat schließlich genauso wenig Schaden genommen wie der Schneidende, so dass die Überspielung dieses fantastischen Konzerts auf die Lackfolie – zumindest was die Musik anbelangt – direkt von dem Band stattfinden konnte, das im Birdland in Neuburg aufgezeichnet wurde: ohne Kopierverluste oder Nachbearbeitung.

Und damit ist nur der erste Teil der Herausforderungen beschrieben, die die Fertigung einer Schallplatte für alle Mitwirkenden bereithält. Wie unser Mastering-Fachmann Rinus Honing sowie Udo Karduck und sein Team bei der Pallas damit umgehen, werden wir an anderer Stelle darstellen. Seien Sie aber schon jetzt versichert, dass auch hier gilt, was Karl Valentin so treffend formulierte: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Dirk Sommer
sommelier du son

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Playlist

Paul Kuhn Trio - Live At Birdland

Seite A
Gone With The Wind (H. Magidson / A. Wrubel) 4:30
Sweet Georgie Fame (B. Deary) 3:34
One Morning In May (H. Carmichael / M. Parish) 4:03
Sugar Daddy (P. Kuhn) 3:21
Emily (J. Mandel / J. Mercer) 4:12
Seite B
It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing) (D. Ellington / I. Mills) 3:03
When I Fall In Love (V. Young / E. Heyman) 3:37
Griff (P. Kuhn) 4:30
Don’t Be That Way (B. Goodman / M. Parish) 3:14
Route 66 (B. Troup / B. Van Heusen) 4:44
As Time Goes By (H. Hupfeld) 3:55
Musiker
Paul Kuhn (Piano, Vocals)
Martin Gjakonovski (Bass)
Willy Ketzer (Drums)
Aufnahme: Brigit Hammer-Sommer und Dirk Sommer
Schnitt der Lackfolie: Rinus Hooning
Pressung: Record Industry
sommelier du son ist ein Projekt von Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer, bei dem sich alles um gute Musik und ihre adäquate Aufnahme und Wiedergabe dreht.
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