Leon Russel

The Montreux Session

Analog in Montreux: Mission made possible

Die Idee klingt ebenso verlockend wie einfach: Man könnte doch einige der spannenden Konzerte des renommierten Festivals am Genfer See auf Tonband aufzeichnen und von einem jeden dann anschließend ein oder zwei klassische Langspielplatten veröffentlichen. Wer erinnerte sich nicht gern an die teils vor mehr als 30 Jahren erschienen faszinierenden LPs, die sich mit dem inzwischen zum Gütesiegel geworden Zusatz „Live at Montreux‟ schmückten?

Doch zum einen sind die analogen Zeiten heute längst vorbei, das merkt man leider schon, wenn man das benötigte Rohmaterial erwerben will. Soweit bekannt, ist gerade einmal ein einziger Produzent für Tonbänder übriggeblieben. Will man wie auf dem Höhepunkt der Analogtechnik bis zu 24 Spuren – von den heute durchaus gebräuchlichen 96 Kanälen wagte damals niemand auch nur zu träumen – mit der üblichen Studiogeschwindigkeit aufzeichnen, belaufen sich allein die Materialkosten auf über 300 Euro – für 15 Minuten. Dem steht dann leider eine im Vergleich zu früher doch recht überschaubare Auflage der zu produzierenden Scheiben gegenüber. Denn auch wenn die Verkaufszahlen dieses Mediums in den letzten Jahren stetig gestiegen sind, entscheiden sich doch meist nur ausgewiesene Kenner und Klang-Gourmets dafür.

Die Jahrzehnte der digitalen Vorherrschaft haben natürlich auch in der Veranstaltungstechnik von Montreux ihre Spuren hinterlassen: Im Auditorium Stravinsky werden die Mikrofonsignale schon für den Weg zum Saalmischpult digitalisiert. Die vorhandene Ausstattung zu nutzen, war hier also schlicht unmöglich. Anders sieht es da glücklicherweise in der Miles Davis Hall aus. Hier laufen Saalbeschallung und Signaltransport zum Aufnahmemobil noch völlig analog ab.

Zum anderen kann ein Festival wie das in Montreux nur dank einer ausgeklügelten Logistik und mit bestens eingespielten Teams funktionieren: Im letzten Jahr gab es an 16 aufeinander folgenden Tagen jeweils bis zu drei Konzerte auf jeder den beiden Bühnen. Da könnte jede noch so kleine Störung des reibungslosen Ablaufs unübersehbare Folgen haben. Mal eben mit ein wenig Analog-Equipment und vielleicht sogar eigenen Mikrofonen im Gepäck auf der Bildfläche zu erscheinen, war also schlicht unmöglich.

Da wir aber von der Idee inzwischen zunehmend begeistert waren, wollten wir trotz der genannten Widrigkeiten so schnell nicht aufgeben. Also strichen wir zuerst einmal alle Aufnahmen der Bands, die im Auditorium Stravinky auftraten, von unser Wunschliste. Doch das ist bei einer so hochkarätig besetzen Veranstaltung wie dem Montreux Jazz Festival kein Problem: Da bleiben auch allein in der Miles Davis Hall noch mehr als genug musikalische Highlights übrig. Und wenn man einmal an die Vor-Beatles-Ära denkt, hat man auch schon das Materialproblem gelöst: Man muss „nur‟ wie damals während des Konzertes die Signale aller verwendeten Mikrofone im richtigen Lautstärkeverhältnis auf den rechten und linken Kanal verteilen, was allerdings den Nachteil hat, dass jeder noch so kleine Fehler auf dem Zwei-Spur-Band verewigt ist und sich nachträglich nicht mehr korrigieren lässt. Aber wir haben Toningenieure gefunden, die diese Herausforderung annahmen – und uns der Einsicht gestellt, dass wir uns auf ein Wagnis einlassen. Schließlich winkt als Preis der Mühen eine ungemein authentische, völlig ungeschönte und intensive akustische Konzertdokumentation.

Schließlich fehlten uns nur ein paar wirklich gut gewartete Bandmaschinen und der geeignete Platz, um sie aufzubauen. In einer Art Mediendorf im Keller der Veranstaltungshallen zwischen Recording-Trucks und Fernsehübertragungswagen wurde schließlich ein Container aufgestellt, akustisch ein wenig hergerichtet und mit feinstem Nagra-Equipment ausgestattet: Die Tonband- und High-End-Spezialisten zählen schon seit vielen Jahren zu den Hauptsponsoren des Festivals. So kamen wir in die glückliche Lage, die im Aufnahmemobil auf zwei Kanäle gemischten Signale auf zwei vom Hersteller bestens präparierte Nagra T Audio aufzunehmen.

Die Realisierung einer guten Idee war also nicht ganz so einfach wie anfangs gedacht. Wir sind aber davon überzeugt, dass diese Platte den Aufwand völlig rechtfertigt. Doch hören Sie selbst.

Playlist

Leon Russel - The Montreux Session

Seite A
Delta Lady Leon Russell 3:34
A Hard Rain’s A Gonna Fall Bob Dylan 2:09
Back To The Island Leon Russell 2:57
Baby What You Want Me To Do Jimmy Reed 2:46
Hummingbird Leon Russell 3:12
Walking Blues Robert Johnson 3:53
Seite B
I’ve Just Seen A Face Lennon/McCartney 2:06
Sweet Little Angel Jules Bihari/Riley B. King 3:54
Kansas City Leiber/Stoller 2:49
Wild Horses Jagger/Richards 4:02
Roll Over Beethoven Chuck Berry 3:10
A Song For You Leon Russell 2:59
Musiker
Leon Russell (Tasteninstrumente, Gesang)
Beau Charron (E-Gitarre)
Chris Simmons (E-Gitarre)
John Wessel (E-Bass)
Brandon Holder (Schlagzeug)
Aufnahme: Bertrand Siffert, Matthieu Latour und Dirk Sommer
Produzent: Dirk Sommer
Mastering: Heinrich Schläfer und Dirk Sommer
Schnitt der Lackfolie: Thorsten Scheffner
Pressung: Optimal Media
sommelier du son ist ein Projekt von Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer, bei dem sich alles um gute Musik und ihre adäquate Aufnahme und Wiedergabe dreht.
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