Puschnig, Swallow, Alias, Lewis

Grey

Die fünfte image hifi-LP ist wie ihre Vorgängerin weder Sampler noch Re-Issue, sondern die Erstveröffentlichung einer aktuellen Produktion auf Vinyl. Doch diesmal wies das analoge Mastertape eine Vielzahl von Spuren auf, und auch bei weiteren Schritten herrschte an edler Studioelektronik kein Mangel. Im Folgenden geht’s um Spurbreiten, Geschwindigkeiten, ein Paravicini-Pult und ein unterschlagenes Bass-Intro.

Analoge Trüffelsuche

Auf der bisher letzten image hifi-LP, None But The Lonely Heart , faszinieren Charlie Haden und Chris Andersons musikalische Dialoge zwar durch ihre Intensität und die Aufnahme durch eine Fülle von Rauminformationen, ein audiophiler Knaller im landläufigen Sinne ist die Scheibe mit ihrer ruhigen Grundstimmung aber im Grunde nicht. Doch zu unserer freudigen Überraschung verkaufte sie sich besser als erwartet, so dass wir schneller für Nachschub sorgen müssen als geplant. Für eine Eigenproduktion, von der ich jetzt zumindest schon zu träumen wage – vielleicht ist irgendwann einmal eine puristische Aufzeichnung eines Auftritts von Altmeister Paul Kuhn realisierbar –, fehlt also die Zeit. Es wird nur so gehen wie bei der Platte zuvor: Wir müssten eine fertige Aufnahme finden, die nicht nur musikalisch hoch interessant, sondern zudem noch auf klassischem – sprich: nicht digitalem Weg – entstanden ist.

Schon bei der Ankündigung von Grey hatte Heinrich Schläfer, der eine Teil des Quinton-Labels, darauf hingewiesen, dass die Songs auf guten alten Bandmaschinen aufgezeichnet worden sei und man eventuell vorhabe, der CD sowie der Mehrkanal-Version – Schauder! – eine LP folgen zu lassen. Inzwischen hatten das Konzert der Gruppe in Dachau und das sich daran anschließende Gespräch mit zweien der vier Musiker den ungemein positiven Eindruck, den die Scheibe bei mir hinterlassen hatte, soweit verstärkt, dass Grey ganz oben auf meiner Wunschliste stand. Als ich das Quinton-Team dann zwecks einer Firmenstory in Wien besuchte, bot sich eine willkommene Gelegenheit, um über eine Vinyl-Variante von Grey zu reden. Und da die beiden jungen Toningenieure schon lange mit dem Einstieg in den Schwarzmarkt geliebäugelt hatten, kamen wir schnell zu einer für alle interessanten Lösung – Probleme tauchten erst später auf.

Leichte Inkompatibilitäten

Natürlich waren die Emil-Berliner-Studios wieder die erste Wahl für den Umschnitt. Kurz nachdem ich einen Termin mit Willem Makkee vereinbart hatte, erwähnte Heinrich Schläfer nicht ohne Stolz, dass man auch beim Mastering – das heißt bei letzten klanglichen Korrekturen und Kompressoreinsätzen – eine Halbzoll-Maschine verwendet habe, was der Qualität ja gewiss nicht abträglich sei. Dafür aber der Verwendung der Bänder in Willem Makkees Reich. Denn dort gibt es nur eine Studer A 80 in Viertelzoll-Ausführung, die mit den beiden für den Vorschub und das zu schneidende Signal nötigen Wiedergabeköpfen ausgerüstet ist. Aber weder die Suche nach irgendeinem anderen Studio noch eine simple Überspielung vom Halb- aufs Viertelzoll-Band, die klanglich nichts bringt als zusätzliches Rauschen, konnte bei einer image hifi-LP das Mittel der Wahl sein. Ein neues Mastering direkt aufs schmalere Band macht da schon mehr Sinn, birgt es doch auch die Möglichkeit an der ein oder anderen Stelle eine etwas „heißere“ Einstellung zu wählen als für die CD. Wenn da nur nicht die zusätzlichen Kosten wären ...

Ohne Limit

Dank Heinrich Schläfers vielfältigen Kontakten fanden wir dann aber doch noch rechtzeitig ein Studio samt einer einvernehmlichen Regelung mit dessen Besitzer. Und das war nicht irgendein Studio, sondern das von Horst Pfaffelmayer, der in Österreich die professionellen Gerätschaften Tim de Paravicinis vertreibt und natürlich auch bei seiner Arbeit verwendet – und was für Pink Floyd gut genug ist, schmeichelt ganz bestimmt auch einer image hifi-Produktion. „Gold Chamber Mastering“ ist zudem die offizielle Dependance von Sterling Sound, New York, einem der bekanntesten Mastering-Studios überhaupt. Dennoch wollten – und konnten – wir im burgenländischen Siegendorf keine komplette Projektabwicklung für eine Nachbearbeitung in den USA buchen, sondern vor Ort mit ausreichend Zeit das beste aus den Quinton-Bändern herausholen.

Und auf diese wurde dann eine Halbzoll-Studer als Zuspielmaschine penibel eingemessen. Weiter ging´s durch das Pult, das unter anderem zwei Esoteric Audio Research Limiting Amplifier 660 sowie ein stereophoner 825Q- und zwei 823Q-Equalizer zieren. Und obwohl Heinrich Schläfer keinesfalls zu audiophilem Purismus neigt, blieben die Kompressoren/Limiter anders als bei der CD, wo transistorisierte Begrenzer zum Einsatz gekommen waren, außen vor. Die röhrenbestückten 660er machten den Sound zwar dichter und ein wenig eindringlicher, doch ging das Ganze eindeutig auf Kosten der Durchzeichnung. Da sich schon beim Mischen der Mehrspurbänder auf zwei Kanäle hier und da ein Manley-(Röhren-)Kompressor der Signale angenommen hatte, bedurften diese auch keiner weiteren Glaskolben-Färbung. Und der Fünf-Band-Equalizer wurde schließlich ebenfalls aus dem Signalweg genommen, da für die kleinen Veränderungen die beiden dreibändigen 823Q völlig ausreichten.

Purer Spaß mit dem EQ

Zum Glück hatten wir für die Überspielung einen ganzen Tag Zeit, so dass bei einigen Entscheidungen sogar der Autor mitreden konnte. Er brauchte nämlich deutlich länger als Horst Pfaffelmayer und Heinrich Schläfer, die wie alle im professionellen Bereich Tätigen mit einer enormen Geschwindigkeit hin- und herschalteten, um eine minimale Frequenzgangänderung im Vergleich zum Original beurteilen zu können. Erst als ich dann selbst etwas weniger hektisch die Knöpfe drückte, wurde mir klar, dass äußerst geringe Frequenzgangbeeinflussungen nicht per se Teufelszeug sind, sondern es beispielsweise erleichtern, der Bassmelodie zu folgen, oder eine insgesamt verbesserte Transparenz bewirken. Und bei einer mehrkanaligen Studioproduktion von Authentizität zu reden, erscheint mir spätestens nach meinen Erfahrungen im Rainbow-Studio in Oslo als höchst fragwürdig. Außer vielleicht bei Zwei-Mikrofon-Aufnahmen in natürlicher Akustik spricht meines Erachtens nichts gegen eine letzte klangliche Feinabstimmung einer Einspielung – zumindest, wenn sie so gekonnt und dezent vorgenommen wird wie von Horst Pfaffelmayer.

Schön langsam

Die filigranen „Korrekturen“ wurden selbstverständlich für jeden Song separat eingestellt und auch die Bandgeschwindigkeit, mit der der „Schnürsenkel“ auf der aufnehmenden A 80 lief, per Hinterbandkontrolle und Gehör festgelegt. Und da kamen wir zu keinem anderen Ergebnis als Ken Christiansen, der sich bei Charlie Hadens None But The Lonely Heart auch schon für eine bessere Basswiedergabe und ein klein wenig mehr Rauschen und damit für nur 19 Zentimeter pro Sekunde entschieden hatte. Kurz bevor wir uns dem vermeintlich letzten Problem, einer Ausblendung beim Song „On Broadway“, zuwandten, fiel mir brühwarm ein, dass es bei der Haden-Überspielung in den Emil-Berliner-Studios gar nicht so einfach war, eine Maschine auf die für Profi-Gepflogenheiten ungewohnt niedrige Geschwindigkeit umzubauen. Ein Anruf bei Willem Makkee brachte auch keine Sicherheit: Er würde zwar versuchen, in vier Tagen eine umgerüstete und eingemessene Maschine mit der gewünschten Geschwindigkeit betriebsbereit zu haben, könne aber nicht garantieren, dass die Technikabteilung noch über alle benötigten Entzerrer- und Steuerkarten verfüge. Und das hieß für uns, vorsichtshalber noch einmal alle Songs mit den glücklicherweise aufgezeichneten Equalizer-Einstellungen mit 38 Zentimeter pro Sekunde zu überspielen und notfalls ein klein bisschen weniger Bassdruck in Kauf zu nehmen.

Spannung mit mehr Bass

Sowohl in der langsamen als auch in der schnellen Version haben wir alle vorhandenen Songs aufgezeichnet, obwohl wir wussten, dass zumindest einer von ihnen auf der Platte keinen Platz finden würde, wenn wir nicht zugunsten der Laufzeit die Dynamik einschränken wollten. Ja, auf den Tapes war sogar noch ein wenig mehr Material, als auf der CD zu hören ist: Steve Swallows Bass-Intro zu „Down By The Riverside“ passte, so Heinrich Schläfer, nicht in den Spannungsbogen der Scheibe und wurde deshalb schlicht weggelassen – zumindest für den Autor ein Frevel. Aber bei der LP mussten ja wegen der Verteilung der Songs auf die beiden Seiten sowieso neue Bögen gefunden werden, und zwar, wie zumindest für mich sofort feststand, solche, in den das Intro seinen gebührenden Platz findet. Da sich Heinrich Schläfer und ich im Studio nicht auf eine Reihenfolge einigen konnten, vertagten wir die Entscheidung. Die Stücke hinterher durch das Schneiden und Zusammenkleben des Bandes in die endgültige Abfolge zu bringen sei nicht schwer. Noch habe man ja noch ein wenig Zeit, sich zwei überzeugende Spannungsbogen einfallen zu lassen, meinte der in diesen Dingen erfahrene Produzent. Und wirklich präsentierte er am Mittag des darauffolgenden Tages ein Konzept, bei dem wir lediglich auf den Titel „Unspoken“ verzichten müssen – was schade genug ist. Dafür haben wir aber das Bass-Intro mit dabei und kommen dennoch nur ein paar Sekunden über die angepeilten 22 Minuten pro Seite.

Purismus á la Quinton

Klappen konnte das nur, weil die Ausblendung aus „On Broadway“ auf der LP etwas früher beginnt als auf der CD. Und dieses Fade Out war ein kleines technisches Problem, da der Master-Regler an Horst Pfaffelmayers Pult lediglich eine Absenkung um 40 Dezibel ermöglicht, nicht aber ein vollständiges Runterfahren des Signals auf Null. In solchen Fällen schaltet man im Gold Chamber Studio üblicherweise ein Penny&Giles-Poti zwischen Mischpult und Aufnahmemaschine. Aber auch das edle Potentiometer verursacht eine kleine Klangfärbung, weshalb sich Heinrich Schläfer entschloss, den gesamten Titel ganz normal aufs Viertelzoll-Band zu überspielen und dann zusätzlich noch einmal den Part, in dem der Pegel kontinuierlich zurückgenommen wird, mit dem Poti im Signalweg. Am Schneidetisch würde er dann später den ersten, unbeeinträchtigten Teil des Songs und das Fade Out nach Wunsch zusammenfügen. So viel zum Thema Purismus bei Quinton.

Volle Rille

Ein paar Tage später erwartet uns Willem Makkee dann in Hannover mit einer auf 19 Zentimeter pro Sekunde umgebauten Bandmaschine. Dem bestmöglichen Transfer stand also fast nichts mehr im Wege. Allerdings ließ sich die Maschine anfangs nicht hundertprozentig auf den 10-Kilohertz-Messton aus Siegendorf kalibrieren. Aber einen Profi wie unseren Schneide-Ingenieur bringt das natürlich nicht aus der Ruhe. So dauerte es nicht lange, bis die Bänder in gewohnter Perfektion auf die Lackfolien überspielt waren. Dabei hat Willem Makkee die zur Verfügung stehende Fläche zu 97 Prozent ausgenutzt. Auf der besonders bassstarken ersten Seite bleiben trotz der moderaten Laufzeit gerade mal ein paar Millimeter Platz für die Auslaufrille. Da dürfte so mancher Zweiwegebox die Bassmembrane flattern ...

Und die Musik?

Die Scheibe ist nicht nur dank des Ohrwurms „On Broadway“ und der extrem langsamen Version von „Down By The Riverside“ deutlich eingängiger als die Haden-LP. Man braucht wirklich kein eingefleischter Jazzer zu sein, um die süffigen Melodielinien von Flöte, Saxophon und Bass sowie die treibenden Rhythmen von Don Alias und Victor Lewis zu genießen: Die wunderbare ruhige Duo-Version von „In A Sentimental Mood“ lädt zum Träumen ein, das „Sufi Souffle“ kommt orientalisch daher und auf „Bouchouicha“ zünden die Schlagwerker ein hart groovendes Percussion-Feuerwerk. Und dann dazu, wie schon angedeutet, dieser Bass: Mal einschmeichelnd singend, mal mit rockigem Drive und mal mit einem solchen Schub, dass man gerne glaubt, dass neben den allerfeinsten Effekten auch ein Marshall-Amp samt Box mit im Spiel war.

Anmerkung: Der Artikel wurde erstmals in image hifi 4/03 veröffentlicht und für diese Seite leicht überarbeitet. Die image-LP 005 ist schon seit Jahren ausverkauft.

Playlist

Puschnig, Swallow, Alias, Lewis - Grey

Seite A
On Broadway (Mann / Leiber / Weil / Stoller) 7:02
Hommage (Puschnik) 6:17
In A Sentimental Mood (Ellington) 4:37
Light Blue (Puschnik) 4:47
Seite B
Blast From The Past (Puschnik) 5:56
Sufi Souffle (Puschnik / Alias) 2:01
Bouchouicha (Youssef) 7:58
Down By The Riverside (Traditional) 6:37
Musiker
Wolfgang Puschnig (Altsaxophon, Flöte, Hojak)
Steve Swallow (Bass-Gitarre)
Don Alias (Percussion, Schlagzeug)
Victor Lewis (Schlagzeug)
Aufnahme: Reinhard Buchta
Mastering: Horst Pfaffelmayer
Produzent: Dirk Sommer
Schnitt der Lackfolie: Willem Makkee
Pressung: Pallas
sommelier du son ist ein Projekt von Birgit Hammer-Sommer und Dirk Sommer, bei dem sich alles um gute Musik und ihre adäquate Aufnahme und Wiedergabe dreht.
© 2017 • Impressum